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Familie Felix und Julie Markus

Recklinghäuser "Poahlbürger"

Als „Poahlbürger“, d. h. als alteingesessene Familien, galt ein Großteil der jüdischen Be-wohner der Stadt. Zu ihnen gehörten die Nachfahren der Eheleute Rosa (1847 – 1913) und Marcus Markus (1846 – 1910), deren Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Reck-linghausen stehen.

Die Familie war damit bereits länger in Recklinghausen ansässig als die meisten anderen Bürger, deren Vorfahren erst mit der Industrialisierung um die Jahrhundertwende zuge-wandert waren. Familienmitglieder hatten im Weltkrieg für „Volk und Vaterland“ gekämpft und standen wie alle Kriegsteilnehmer in hohem Ansehen, zumal wenn sie wie Robert Markus mit Orden ausgezeichnet worden waren.

Die Brüder Alex (geb. 1876), Felix (1880) und Robert (1886) Markus betrieben mit ihren Ehefrauen Obst- und Gemüsegeschäfte in der Innenstadt, in Süd und auf dem Wochen-markt.

Repressalien ab 1933

Dabei waren sie seit der ersten Boykott-Aktion am 1. April 1933 zunehmenden Repressalien ausgesetzt. So prangerte die „National-Zeitung“ am 31. Juli 1935 öffentlich die Besitzerin eines Kaffeegeschäfts an der Kunibertistraße an, beim „jüdischen Gemüsehändler Markus während des Wochenmarktes, trotzdem [sic!] zu beiden Seiten des Judenstandes andere arische Händler standen“ eingekauft zu haben. Wegen dieses „schamlosen Verhaltens“, so triumphierte die NS-Gazette, sei sie von einer ihrer Kundinnen zur Rede gestellt worden, die in „eindeutiger Form“ mitteilte, „dass sie in Zukunft nicht mehr bei einer Firma kaufen werde, die ihr Geld zum Juden trage“. SA-Mitglieder gingen sogar soweit, den Stand regelrecht abzusperren.


Dass sich allerdings unter den verbleibenden Kunden selbst SA-Mitglieder befinden konnten, musste selbst 1938 noch zugegeben werden. Da wurde einem Scharführer der SA-Reserve vorgeworfen, „die Einkäufe seiner Frau bei einem Juden geduldet und selbst dort Waren bestellt“ zu haben. Wenn „jemand so wenig Deutschbewußtsein hat“, waren die Folgen konsequent: Der „Täter“ wurde nicht nur aus der SA ausgeschlossen, sondern verlor auch zu Recht, wie das Reichsarbeitsgericht bestätigte, seinen Arbeitsplatz bei der Stadt Recklinghausen.


Trotz solcher Erfahrungen dachten nur wenige Familienmitglieder daran, ihre Heimatstadt zu verlassen. Familie Markus hielt über die Jahre mühsam durch: Unter der Überschrift „Unser Markt ist judenfrei!“ (RZ 28.10.1938) verkündigte die Pressestelle der Stadt dann das verordnete Ende des Marktstandes: „Der Wochen-, Fleisch- und Gemüsemarkt ist ab sofort von jüdischen Händeln frei, und so kann jeder Volksgenosse seine Einkäufe tätigen. Alle Volksgenossen werden diese Mitteilung freudig begrüßen, kam es doch immer wieder vor, dass sich Käufer aus Unkenntnis an einen jüdischen Händler wandten.“
Knapp zwei Wochen später kam es zum gewaltsamen Ende der Geschäfte an der Steinstraße 12 und der Bochumer Straße 111: In der Nacht vom 9. November 1938 wurde das kleine Geschäft, das Robert und Ehefrau Selma (geb. 1891) an der Steinstraße 12 führten, überfallen und zerstört, Obst- und Gemüsereste waren noch Straßen weiter zu finden.

Als der Hausherr mit seinen Kriegsauszeichnungen auf einem Ordenskissen den eindringenden SA-Leuten entgegen trat, um verzweifelt seinen Patriotismus zu beweisen, so erinnerte sich Martha Markus, die Tochter von Felix Markus an das Schicksal ihres Onkels, wurden diese auf den Boden geworfen und zertreten. Die Würde der Familie wurde mit Füßen getreten, ihre wirtschaftliche Existenz zerstört. Beide Geschäfte, die auf den Namen von Felix Markus eingetragen waren, wurden „am 10.12.38 von Amts wegen eingestellt“.

Ghettoisierung, Deportation und Ermordung

Tochter Dina (*1910) war bereits 1939 in die Niederlande emigriert. Für die in Deutschland Bleibenden setzte sich der Prozess des wirtschaftlichen Ruins, der Diskriminierung und Isolierung unerbittlich fort. Anfang 1939 waren die Ausweispapiere eingezogen und durch beige „Kennkarten“ aus Pappe ersetzt worden. Wie bei Heinrich Hanau hatten die Männer zusätzlich den Vornamen „Israel“ anzunehmen und ihr Status als Juden wurden durch eine fetten, auffällig roten Stempelaufdruck „J“ gekennzeichnet. Das Dokument mit zwei Fingerabdrücken war nicht vom Einwohnermeldeamt, sondern vom Polizeipräsidium aus-gestellt und kennzeichnete die jüdischen Bürgerinnen und Bürger als potentiell kriminell. 

Zunehmend wurden die Mietverhältnisse aufgelöst, um Häuser „Judenfrei“ zu machen. Ab 1941 mussten die Eheleute Felix und Julie Markus mit ihrer Tochter Martha ihr Haus Bochumer Str. 111 verlassen und wie alle Juden in eines der fünf „Judenhäuser“ der Stadt ziehen. Ihnen wurde das Wohnhaus der Familie Aron in die Ernst-vom-Rath-Straße 6 zu-gewiesen. Seit 1939 hatte die Paulusstraße den Namen des deutschen Legationsrats er-halten, dessen Erschießung in Paris als Vorwand für die reichsweite Pogromnacht vom 9./10. November 1938 genutzt worden war. Auch der Handlungsgehilfe Heinrich Hanau, der alleinstehende Bruder von Julie Markus, zog in das Haus.

Am 24. Januar 1942 erfolgten die Deportationen von insgesamt 95 Erwachsenen und 10 Kindern aus den „Judenhäusern“ auf offenen Lastwagen. Die Abmeldebescheinigung des Einwohnermeldeamtes vermerkt bei Felix Markus handschriftlich mit Datum vom 24.01.1942 „nach unbekannt“.

In der alten Ausstellungshalle am Wildenburgplatz in Gelsenkirchen mussten sie mehrere Tage aushalten, bis die Deportationstransporte der westfälischen Juden zusammengestellt worden waren.

Im ersten Transport, der Dortmund am 27.1.1942 verließ, befanden sich auch die Familie Julie und Felix Markus mit Tochter Martha und Heinrich Hanau, dem Schwager von Felix Markus. In völlig verschmutzten, unbeheizten Personenzügen ging es ohne Verpflegung und Getränke auf eine fünftägige Reise ins Ghetto Riga, der Hauptstadt des besetzten Lettland. Der Gepäckwagen mit den sorgfältig gepackten letzten Habseligkeiten wurde bereits in Ostpreußen abgekoppelt. Einige der Neuankömmlinge wurden noch vor Erreichen des Ghettos nach der Ankunft am Bahnhof Riga-Skirotova schossen. Insgesamt wurden etwa 17.000 „Reichsjuden“ in die Häuser des verkleinerten ehemaligen Ghettos der lettischen Juden verbracht. „Wir dachten, der Schnee ist schwarz“, erinnerte sich später Martha Markus (geb. 1911), an den ersten Eindruck vom Ghetto. Was sie dort sahen, waren die blutigen Spuren des Massakers an den etwa 28.000 vormaligen Bewohnern im November 1941 vor der Ankunft der Deportationszüge aus dem Reichsgebiet.

Der Zeitpunkt des Todes von Heinrich Hanau im Ghetto kann nicht mehr bestimmt werden. Dies gilt ebenso für Julie und Felix Markus. Nur einmal äußerte sich Martha Markus zum vermutlichen Schicksal ihrer Eltern: Danach seien sie im „Hochwald“, wie die Deutschen das Waldgebiet Bikernieki bei Riga nannten, in einem Massengrab verscharrt worden. Möglicherweise hätten sie zuvor ihre Gräber mitausschachten müssen oder seien in einem der Holzvergaserwagen getötet worden.

Zu diesem Zeitpunkt war auch Tochter Dina Markus bereits ermordet worden. Sie war vom deutschen Besatzungsregime in den Niederlanden verhaftet und nach Westerbork verbracht worden. Von diesem Lager aus wurde sie am 4.9.1942 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort drei Tage später getötet.
Einzige Überlebende des Massenmordes war die damals 22jährige Martha Markus. Sie wurde mit einem Teil der arbeitsfähigen Ghettobewohner in das in Riga errichtete KZ Kaiserwald verbracht. Martha Markus überlebte das Terrorregime des Lagers und die Verlegung per Schiff in das völlig überfüllte KZ Stutthoff bei Danzig. Beim Näherrücken der Roten Armee musste sie mit anderen Häftlingen bei winterlichem Wetter in Richtung Westen marschieren. Nachts wurden sie in eine Scheune bei Schierhoff getrieben und legten sich neben andere Menschen, die dort lagen. Morgens wurden sie von russischen Truppen befreit und stellten zu ihrem Entsetzen fest, neben Typhustote gelegen und sich angesteckt zu haben.

Auf abenteuerlichen Wegen kam Martha Markus als einziges Familienmitglied nach Recklinghausen zurück und musste den Tod von 21 ermordeten Familienmitgliedern
beklagen; davon stammten drei aus der unmittelbaren Verwandtschaft des KZ-Überlebenden Ludwig de Vries, den sie in Recklinghausen heiratete.

Martha Markus baute, nicht ohne Anfeindungen, wieder eine Existenz im Gemüse- und Obstgroßhandel an der Steinstraße 12 auf. Ludwig und Martha de Vries gehörten zu den wenigen Gemeindemitgliedern, die jüdisches Leben in Recklinghausen wiederbelebten. 1946 lud das Ehepaar zum ersten Gottesdienst in ihre Wohnung ein. Ludwig de Vries hatte als junger Mann die Thorarolle in seiner Heimatstadt Lathen/Emsland vor der Vernichtung gerettet. Nach dem Krieg holte er sie aus dem Versteck und brachte sie nach Recklinghausen. 1948 stiftete das Ehepaar das Mahnmal der Holocaust-Opfer auf dem Jüdischen Friedhof.

Bis zu seinem Tod leitete Ludwig de Vries (1904 – 1958) die Gemeinde.6 Hinter dem Gemeindehaus von 1930 ließ er durch den Recklinghäuser Architekten Karl Gerle 1954/55 einen Trakt als Versammlungsraum bauen und im Obergeschoss ein Synagogenraum einrichten. Martha de Vries starb am 30. Dezember 1988 und wurde neben ihrem Mann auf dem Jüdischen Friedhof beigesetzt. Mit ihrem Tod endete die Geschichte der Recklinghäuser Poahlbürgerfamilie Markus in ihrer Heimatstadt.

Mit freundlicher Unterstützung von der
Stadt Recklinghausen

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