Volksbund Logo Desktop Volksbund Logo Mobil

Meldung

Meldung

83. Mitgliedsstadt des Riga-Komitees kommt aus Ostwestfalen-Lippe

Borholzhausener Schülerinnen und Schüler und Stolpersteingruppe gestalten Beitrittsveranstaltung

Borgholzhausen. Am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, trat die Stadt Borgholzhausen, die Stadt im „Herzen des Teutoburger Waldes“ dem Riga-Komitee bei. In ihren Redebeiträgen betonten die Regierungspräsidentin und Bezirksvorsitzende des Volksbundes Anna Katharina Bölling sowie der Bürgermeister von Borgholzhausen, Dirk Speckmann, die Bedeutung des Städtebündnisses und der Beitrittszeremonie. Neben einer sehr würdevollen Musik und einem beeindruckten Beitrag von Schülerinnen und Schüler der Peter-August-Böckstiegel-Gesamtschule wurde im Rahmen der Veranstaltung auch die lokale Stolpersteingruppe rund um die ehemalige Lehrerin Eva-Maria Eggert geehrt. Die Gruppe hatte den Beitritt der Stadt maßgeblich mitinitiiert und die Beitrittsveranstaltung mitgestaltet.
Den gesamten Bericht der Stadt über die Beitrittsveranstaltung zum Riga-Komitee lesen Sie im Folgenden:

„Mit der Unterzeichnung der Beitrittsurkunde schließt sich die Stadt einem internationalen Städtebund an, dem inzwischen über 80 Kommunen angehören. Das Riga-Komitee erinnert an mehr als 25.000 jüdische Bürgerinnen und Bürger, die zwischen 1941 und 1944 in das Rigaer Ghetto deportiert und dort ermordet wurden, und setzt sich für eine aktive Erinnerungskultur an die Opfer des Nationalsozialismus ein. Eine zentrale Gedenkstätte befindet sich im Wald von Bikernieki bei Riga.

Der Festakt fand im voll besetzten Ratssaal statt und wurde von Stadtarchivar Dr. Gregor Weihermüller sowie Eva-Maria Eggert von der Borgholzhausener Stolpersteingruppe begleitet. Anlass für den Beitritt sind vier frühere Borgholzhausener Mitbürger, die während der nationalsozialistischen Verfolgung nach Riga deportiert wurden. Die intensive Auseinandersetzung mit der lokalen NS-Geschichte sowie mit den individuellen Schicksalen der jüdischen Bevölkerung ist seit vielen Jahren ein Schwerpunkt der Arbeit der Stolpersteingruppe.

In den vergangenen zwölf Jahren hat die Stolpersteingruppe durch umfangreiche ehrenamtliche Recherchen zahlreiche bislang unbekannte Details dokumentiert. Insgesamt wurden 22 Stolpersteine an fünf Adressen in der Borgholzhausener Innenstadt verlegt. Zudem wurde ein jährliches Gedenken an die Pogromnacht auf dem jüdischen Friedhof etabliert. Für dieses langjährige Engagement zur Erforschung jüdischer Einzelschicksale und zur Etablierung einer lokalen Erinnerungskultur wurde die Stolpersteingruppe um Eva-Maria Eggert im Rahmen des Festaktes mit der höchsten Auszeichnung der Stadt Borgholzhausen, geehrt. 

Regierungspräsidentin Bölling hatte für die Veranstaltung bewusst den 27. Januar, den offiziellen Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, vorgeschlagen. In ihrer Rede betonte sie, dass der Beitritt zum Riga-Komitee ein klares Bekenntnis zur historischen Wahrheit und zur Verantwortung für die eigene Geschichte darstelle. Er verpflichte dazu, die Erinnerung an die deportierten und ermordeten jüdischen Bürgerinnen und Bürger wachzuhalten und über Generationen hinweg weiterzugeben. Im Anschluss an die Urkundenunterzeichnung trug sich die Regierungspräsidentin anlässlich ihres ersten offiziellen Besuchs in das Goldene Buch der Stadt Borgholzhausen ein. 

In die Veranstaltung eingebunden war auch die Peter-August-Böckstiegel-Gesamtschule als „Schule ohne Rassismus“. Pädagoge Tobias Trier hielt eine Rede, zudem berichteten Schülerinnen und Schüler über ihre Gedenkstättenfahrten nach Buchenwald sowie über ein Zeitzeugeninterview mit der 101-jährigen Margarethe Schneider, das sich mit dem Schicksal ihrer damaligen jüdischen Mitschülerin Gisela Weinberg befasste. 

Begleitend zum Beitritt wurde eine Ausstellung mit 20 Plakaten zur lokalen NS-Geschichte erarbeitet. Diese ist zunächst für drei Wochen im Rathaus und anschließend in der Gesamtschule zu sehen. Musikalische Beiträge, ein Rundgang durch die Ausstellung sowie ein Imbiss rundeten den Festakt ab.“

Zum Originalbeitrag

Über die lokale Plakatausstellung hinaus wird in der Stadt zurzeit die Wanderausstellung des Riga-Komitees mit dem Titel „Riga: Deportationen – Tatorte – Erinnerungskultur“ bis zum 25. Februar gezeigt. Danach wird die Ausstellung ins Stadtmuseum nach Minden gehen. Dort wird die Stadt Minden als 84. Kommune dem Städtebündnis beitreten. 

Text: Stefanie Peters (Stadt Borgholzhausen)
Fotos: Johannes Gerhards (Gruppenfoto) und Stadt Borgholzhausen
 

Ein Land voller Massengräber und kaum jemand, der noch einen Kaddisch sagen kann: Auf den Spuren der Shoah in Lettland

Im September 2024 unternahmen Mitarbeitende der Gedenkstätten sowie Mitglieder des Gedenkstättenvereins und MultiplikatorInnen aus dem Osnabrücker Raum und Berlin vom 26. August bis 1. September 2024 eine Reise nach Litauen und Lettland zu Orten der Shoah im Baltikum. Die Reise erfolgte im Rahmen der Ausstellung "Der Tod ist ständig unter uns. Die Deportationen nach Riga und der Holocaust im deutsch besetzten Lettland", die vom 7. April bis 1. September 2024 in der Gedenkstätte Augustaschacht zu sehen war. Die Autorin war eingeladen worden, an dieser Reise teilzunehmen. Sie stellt uns ihren Bericht für diese Veröffentlichung kostenfrei zur Verfügung.

Am 13. Dezember 1941 wurden 35 Osnabrückerinnen und Osnabrücker gezwungen, in einen Zug zu steigen, der sie in mehrtägiger Fahrt nach Riga in Lettland brachte. Sie selber kannten das Ziel nicht. Ihren Besitz mussten sie zurücklassen. Fünfzig Kilo an Gepäck waren alles, was sie mitnehmen durften, und auch wurde ihnen bei der Ankunft weggenommen, als sie mit Eisenstangen aus dem Zug in die eisige Kälte von minus 30 bis 40 Grad geprügelt wurden. Kleine Kinder und alle, die den weiten Weg in das Ghetto nicht schafften, wurden gleich ermordet. „Keiner von uns hat geglaubt, dass so viel Sadismus möglich war“ – dieser Satz stammt von Ewald Aul, einem der fünf Osnabrücker Überlebenden dieser Deportation, später langjähriger Vorsitzender der Jüdischen Nachkriegsgemeinde in Osnabrück.

Diese Reise war nicht leicht, manche Eindrücke nur schwer zu verkraften Es war eine Reise auf den Spuren von Massenmorden, die auch emotional belastete, und dennoch eine Reise mit vielen wertvollen Begegnungen mit Menschen, die sich dafür engagieren, die Menschen, die diesen Morden zum Opfer fielen, der Vergessenheit zu entreißen, wo das noch möglich ist, und ihnen dadurch ihre Würde zurückzugeben. Unter diesen Ermordeten, für die niemand das Kaddisch, das jüdische Totengebet, sprach, sind 30 Osnabrückerinnen und Osnabrücker. Drei davon, die Geschwister Edith, Carl und Ruth-Hanna Stern, waren noch kleine Kinder.

Am 31. Juli 1941 wurde der Leiter des Reichssicherheitshauptamts, Reinhard Heydrich, von Reichswirtschaftsminister Hermann Göring mit der Vorbereitung der Endlösung der Judenfrage beauftragt, der systematischen Ermordung aller europäischen Juden. Im Oktober 1941 ordnete Hitler die Deportation der jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus dem Reichsgebiet an. Sie wurden in Transporten von je 1.000 Personen in die Ghettos Lodz in Polen, und Minsk in Belarus, Kaunas und Vilnius in Litauen und das lettische Riga gebracht.

In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wurde der Holocaust über Jahrzehnte verdrängt und tabuisiert. Neue Verbrechen durch das stalinistische Regime überlagerten die Erinnerung an die deutsche Besatzung und die Verfolgung von jüdischen Menschen und anderen Bevölkerungsgruppen. Für die Sowjetunion gab es keine jüdischen Opfer und damit auch keinen Holocaust. Die Ermordeten waren alle Sowjetbürgerinnen und -bürger. Es ging um Heldengedenken, alle Toten galten gleichermaßen als „Opfer des Faschismus“. Die Erinnerung an die massive Beteiligung der einheimischen Bevölkerung an den Morden wird den Litauern und Letten auch heute kaum zugemutet.