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Eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte

44 Delegierte des Riga-Komitees besuchen mit dem Volksbund Gedenkorte in Lettland

Aus 34 deutschen Städten brachen Delegierte des Riga-Komitees in diesen Tagen zu Gedenkveranstaltungen nach Lettland auf. Das europaweit einzigartige erinnerungskulturelle Netzwerk geht auf eine Volksbund-Initiative zurück. Zu den Schwerpunkten der fünften Fahrt des Komitees zählten die Erinnerung an Deportation und Ermordung jüdischer Menschen in Riga vor 85 Jahren sowie an die Einweihung der Gedenkstätte Riga-Bikernieki vor 25 Jahren.

 

Der Wald von Bikernieki, keine acht Kilometer vom Zentrum der lettischen Hauptstadt Riga entfernt. Der Himmel darüber ist hellblau, Vögel zwitschern. Der heftige Regen wenige Minuten zuvor hat den Nadeln der duftenden Kiefern frischen Glanz verliehen. Doch es ist eine trügerische Schönheit.
 

„Ich fand diesen Wald unheimlich“

Die junge Lettin Rozite Ponne, nahe Bikernieki aufgewachsen, erinnert sich: „Schon als Kind fand ich diesen Wald unheimlich. Wenn wir hier durchfuhren, drehte mein Vater die Musik leiser.“ Der Wald von Bikernieki ist Schauplatz eines der dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte.

Hier ermordeten Nazis und ihre lettischen Hilfstruppen im Jahr 1941 Männer, Frauen und Kinder im industriellen Maßstab. Der Wald von Bikernieki – ein Ort, an dem die Nazis einen Genozid an nahezu 25.000 europäischen Juden verübten. Noch heute zeugen Massengräber sichtbar von diesen Taten.
 

Delegierte von Düsseldorf bis Wien

85 Jahre nach Beginn dieser Menschheitsverbrechen stehen knapp 100 Menschen vor dem weißen Memorial, das den Holocaust-Opfern gewidmet sind. Darunter sind Angehörige von Nachfahren der ermordeten Juden, Vertreter von Politik, Zivilgesellschaft und Medien. Es sind vor allem aber die Mitglieder des Riga-Komitees.

Im Jahr 2000 auf Initiative des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. gegründet, verbindet dieses Netzwerk mittlerweile fast 90 Städte und Kommunen aus dem deutschsprachigen Raum, aus denen Jüdinnen und Juden nach Riga deportiert wurden. An sie zu erinnern ist das gemeinsame Ziel.

Städtevertreter besuchen Tatorte

Bei der diesjährigen Riga-Reise waren 44 Delegierte aus 34 Riga-Städten aus so unterschiedlichen Orten wie Bochum und Brno (Brünn), Düsseldorf und Dresden, Herten und Hannover, Kassel, Münster und Wien vertreten.

An zwei Tagen besuchten sie die Tatorte von einst, allen voran die Gräber- und Gedenkstätte im Wald von Bikernieki, aber auch das frühere Konzentrationslager Jungfernhof und den Vernichtungsort Rumbula, wo lettische Jüdinnen und Juden zu Zehntausenden ermordet wurden.
 

Düsterer Ort der Mahnung

Dr. Gundula Bavendamm vom Volksbund-Bundesvorstand betonte zum Auftakt der Gedenkveranstaltung in Bikernieki, dass die Opfer, die aus den Städten des Reiches in Zügen nach Riga deportiert wurden, unvergessen sind. Gudrun Masloch, die deutsche Botschafterin in Lettland, fügte hinzu: „Heute schlagen wir das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte auf.“

Ihre Kollegin Bernadette Klösch, Botschafterin der Republik Österreich, bezeichnete den Wald von Bikernieki als einen „Ort der Erinnerung, Reflexion und Mahnung“. Beide Diplomatinnen betonten: Es sei die Aufgabe und Verpflichtung jeder Generation, sich für Versöhnung, Toleranz und ein friedliches Miteinander einzusetzen. 

„Botschafter der Erinnerung“

Der Volksbund fördert Toleranz, Versöhnung und ein friedliches Miteinander, indem er regelmäßig zu internationalen Jugendbegegnungen im Baltikum und an vielen anderen Orten in Europa einlädt. Im Herbst wird er zudem ein neues Format einführen: 30 Jugendliche aus den Riga-Komitee-Städten reisen als „Botschafter der Erinnerung“ nach Lettland, besuchen die historischen Orte und lernen Geschichte hautnah kennen (mehr lesen).

Gefördert wird dieses neue Bildungsformat von der Bethe-Stiftung aus Köln/Bergisch Gladbach. Vorstandsmitglied Dr. Martin Hamburger zeigte sich beeindruckt vom Programm des Riga-Komitees und dem Engagement der Delegierten.

Kassels Beitrag vor Ruinen der Synagoge

Nach der Gedenkveranstaltung hielten die Delegierten an den Steinen mit den Namen ihrer Städte inne. Auf großes Interesse stieß auch die vor vier Jahren eröffnete Dauerausstellung des Volksbundes auf dem Gelände der Gedenkstätte.

Anschließend  besuchte die Gruppe die offizielle Veranstaltung zum lettischen Holocaust-Gedenktag vor der Ruine der Großen Choral-Synagoge. In Anwesenheit des lettischen Ministerpräsidenten Andris Kulbergs und des Oberbürgermeisters von Riga, Viesturs Kleinbergs, sprach für das Riga-Komitee Ilana Katz aus Kassel.

Rigaer „Blutsonntag“

Die in Riga geborene Vorsitzende der Kasseler Jüdischen Gemeinde bezeichnete es als „große Ehre“, vor den versammelten rund 300 Menschen aufzutreten. Sie erinnerte an den Rigaer „Blutsonntag“ vor 85 Jahren.

Am Sonntag, 30. November, sowie am 8./9. Dezember 1941 hatten SS und lettische Helfer im Wald von Rumbula und Bikernieki mehr als 26.500 Juden ermordet. Mit dieser gigantischen Vernichtungsaktion wollten sie Platz im Rigaer Ghetto für die in Deportationszügen ankommenden Juden aus dem Reich schaffen.

„Wenn wir aus der Geschichte lernen, werden wir auch die Herausforderungen der Zukunft meistern.“

Ilana Katz, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel und engagiert im Riga-Komitee

Sie erinnerte sich: „Meine Familie lebte seit vielen Generationen in dieser wundervollen Stadt. Ein Teil von ihnen starb im Ghetto. Meine Mutter nahm mich als Kind mit nach Bikernieki und Rumbula. Sie verbot mir, herumzutoben, und sagte mir, dass in diesen Wäldern die Menschen schlafen.“ Die Erinnerungen an die Opfer des Genozides seien Teil ihrer Familie, ihres Lebens.

Katz forderte: „Die Shoah darf sich nicht wiederholen, deshalb ist die Arbeit des Riga-Komitees so wichtig!“ Ihre Botschaft an diesem 3. Juli 2026: „Wenn wir aus der Geschichte lernen, werden wir auch die Herausforderungen der Zukunft meistern.“
 

Die Bluttaten im Kiefernwäldchen

Einer, der daran einen großen Anteil hat, ist der Holocaust-Überlebende und Historiker Margers Vestermanis. Der fast 101-Jährige begrüßte die sichtlich gerührten Anwesenden und Angehörigen der Ermordeten.

Ebenfalls nur Kilometer von Riga entfernt liegt der Gedenkort Rumbula, wo die lettischen Jüdinnen und Juden aus dem Ghetto ermordet wurden. Angesichts der blutigen Spuren im Schnee und der zurückgelassenen Koffer wurde den damaligen Neuankömmlingen aus dem Deutschen Reich schnell klar, dass im Ghetto Unbeschreibliches geschehen sein musste.

100-Jähriger rührt Anwesende

Thomas Rey, der die Reise des Riga-Komitees organisiert hatte, sagte eindrücklich: „An so einem Sonnentag ist es noch unbegreiflicher zu erahnen, welches Grauen hier herrschte.“ Rey verwies auf einen Gedenkstein, der an die ermordete Familie von Margers Vestermanis erinnert.

Die Nationalsozialisten hatten den 16-jährigen Margers in Rumbula zum Beseitigen der Leichen abkommandiert. Der Junge überlebte wie durch ein Wunder und widmete sein gesamtes Leben der Erinnerung an den Genozid der Jahre 1941 bis1944.
 

Bahnhof und ehemaliges KZ

Auf dem Rückweg machten die Delegierten Station am Bahnhof Škirotava, an dem die Transporte aus Städten wie Berlin, Stuttgart, Nürnberg und Hamburg ankamen.

Ein weiteres, sehr düsteres Kapitel schlug das Riga-Komitee mit dem Besuch des ehemaligen Lagers Gut Jungfernhof auf. Wenig erinnert heute noch an das weitläufige einstige Gutsgelände mit Ställen, Scheunen und Weiden, das der Sicherheitsdienst (SD) zu einem Konzentrationslager umfunktioniert hatte.
 

Nur 148 Menschen überlebten

In dem Naherholungsgebiet, in dem Jogger ihre Runden drehen und Ausflügler am Ufer der nahen Düna sitzen, mussten rund 4.000 Juden aus Stuttgart, Nürnberg, Hamburg auf engstem Raum hausen und sterben. Nur 148 Menschen überlebten die Gefangenschaft. Der SS-Kommandant Rudolf Seck ließ auf den Gräbern der Ermordeten Kartoffeln pflanzen. Sein zynischer Kommentar: „Juden ergeben einen guten Dünger!“
 

Abschied von Hannah Oppenheimer

Die Führung über das weitläufige Gelände übernahm Ilya Lensky, Direktor des Museums „Juden in Lettland“ und einer der profiliertesten lettischen Kenner des Holocausts. Auf den vor zwei Jahren freigelegten Fundamenten der alten Lagerbaracken lud er zu einer improvisierten Gedenkveranstaltung ein.

Anwesend waren auch Angehörige von Überlebenden, angereist aus den USA. Patricia Anastos gehörte dazu. Tief bewegt nahm sie noch einmal Abschied von ihrer Großmutter Hannah Oppenheimer.
 

Netzwerk verbindet Angehörige

Mit ihr trauerten weitere Angehörige des Netzwerkes, in dem Angehörige aus elf Ländern verbunden sind, sowie die Delegierten des Riga-Komitees. „Ich wünsche mir, dass hier einmal eine Gedenkstätte für all diese Opfer entsteht“, sagte Ilya Lensky am Ende der für alle bewegenden Zeremonie.

Rigas Oberbürgermeister begrüßt

Weitere Stationen waren das Rathaus der Stadt Riga, die „Kleine Gilde” und das Museum für die Geschichte der Juden in Lettland. Im Rathaus begrüßten Oberbürgermeister Viesturs Kleinbergs und Ratsmitglied Edgars Ikstens die Teilnehmer im großen Ratssaal. Ikstens ordnete ein: „Die totalitären Systeme des Faschismus und des Kommunismus hinterließen tiefen Narben in Europa, die noch heute zu sehen seien. 

In der „Kleinen Gilde“ betonte Volksbund-Vorstand Gundula Bavendamm: „Wir werden aus Riga nicht nur die Erinnerungen an die dunkle Zeit mitnehmen, sondern auch Bilder des freundlichen und offenen Rigas.“
 

Kraft für Erneuerung

Die Leiterin der deutschen Delegation zeigte sich überzeugt, dass das Riga-Komitee im 26. Jahr seines Bestehens die Kraft für eine Erneuerung und frische Ideen für die Zukunft finde. 

Tiefe Einblicke in düstere Zeiten und die hellen Bilder des neuen Riga – Ilya Lensky brachte die zwiespältigen Eindrücke der zweitägigen Gedenkreise in seiner Ansprache im Wald von Bikernieki zusammen: „Dieses Massengrab für 36.000 Jüdinnen und Juden ist zugleich auch ein schöner Ort. Ein Platz für uns, an dem Vögel zwitschern und Blumen blühen. In jedem Moment, an dem wir an die Opfer denken, die hier ruhen, erinnern wir uns und nur so entsteht gemeinsames Gedenken.“

„In jedem Moment, an dem wir an die Opfer denken, die hier ruhen, erinnern wir uns und nur so entsteht gemeinsames Gedenken.“

Ilya Lensky, Direktor des Museums „Juden in Lettland“

Volksbund und Bethe-Stiftung ...

… gehen mit den Jugendprojekt „Botschafter der Erinnerung” neue Wege. Im September gehen 30 Jugendliche und junge Erwachsene aus den Riga-Städten auf Reisen. Damit das Angebot 2027 fortgesetzt werden kann, sind weitere Spenden nötig.
 

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Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der im Auftrag der Bundesregierung Kriegstote im Ausland sucht, birgt und würdig bestattet. Mehr als 5.500 waren es im vergangenen Jahr. Der Volksbund pflegt ihre Gräber in 45 Ländern und betreut Angehörige. Mit seinen Jugend- und Bildungsangeboten erreicht er jährlich knapp 50.000 Menschen. Für seine Arbeit ist er dringend auf Mitgliedsbeiträge und Spenden angewiesen.
 

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Harald John Abteilungsleiter Fundraising-Kommunikation-Marketing (FKM)