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Einblick in die Wanderausstellung des Deutschen Riga-Komitees mit einem Aufsteller zum Jüdischen Leben in Haltern am See (© Jens Effkemann)
Riga: Deportation - Tatorte – Erinnerungskultur
Eröffnung Wanderausstellung des Deutschen Riga-Komitees im Rathaus von Haltern am See
Haltern am See. Nachdem Bürgermeister Andreas Stegemann bei der Veranstaltung zum 25-jährigen Bestehen des Deutschen Riga-Komitees (www.riga-komitee.eu) im Düsseldorfer Landtag auf die Wanderausstellung des Städtebündnisses aufmerksam wurde, hat er sie im Herbst direkt für seine Stadt gebucht. Als erste Ausstellung überhaupt steht sie jetzt in einem ehemaligen Durchgang zwischen der Sparkasse und dem Rathaus. Um weitere Informationen zu den Hintergründen der Wanderausstellung zu erfahren, lesen Sie die folgende Pressemeldung der Stadt vom 8. Oktober 2025.
„Seit dem gestrigen Tag ist im Neuen Rathaus eine Wanderausstellung zu sehen, die sich mit einem langen verdrängten Kapitel der deutschen Geschichte beschäftigt. Sie thematisiert die Verschleppung und Ermordung von mehr als 25.000 jüdischen Bürgerinnen und Bürgern aus dem Deutschen Reich - darunter viele aus Nordrhein-Westfalen.
Die Eröffnungsveranstaltung startete am gestrigen Tag mit einem Gedenken am historischen Waggon der Alexander-Lebenstein-Realschule. Bürgermeister Andreas Stegemann betonte in seiner Ansprache die Verantwortung der Stadtgesellschaft: ‘Die Ausstellung erinnert uns eindringlich daran, was passieren kann, wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen, damit sich ihre schlimmsten Seiten nicht wiederholen. Es ist uns eine Ehre, diese wichtige Ausstellung in Haltern am See zeigen zu dürfen.’ Auch die Realschule war an der Gestaltung der Gedenkveranstaltung beteiligt. Schulleiter Frank Cremer äußerte sich im Rahmen der Eröffnung: ‘Für uns als Schule ist es ein zentrales Anliegen, historisches Bewusstsein zu fördern - nicht nur im Unterricht, sondern auch im öffentlichen Raum. Die Beschäftigung mit dieser Ausstellung gibt unseren Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, sich aktiv mit Erinnerungskultur auseinanderzusetzen.’
Im Anschluss an die Eröffnungsreden begaben sich die Gäste gemeinsam zum Rathaus an der Dr.-Conrads-Straße, wo die Ausstellung nun im Foyer bis mind. zum 7. November 2025 besucht werden kann.
Die Wanderausstellung vermittelt anhand historischer Dokumente, Fotografien und persönlicher Schicksale das Geschehen rund um die Deportationen nach Riga ab dem Jahr 1941. Thematisiert werden unter anderem das Ghetto Riga, das Lager Jungfernhof, das Konzentrationslager Kaiserwald sowie die Erschießungsstätten in den Wäldern von Rumbula und Bikernieki.
Die Ausstellung wurde durch das Deutsche Riga-Komitee konzipiert - einem besonderen Bündnis, dem inzwischen 80 Städte angehören. Haltern am See ist seit 2010 Teil dieses länderübergreifenden Erinnerungsnetzwerks, das vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. koordiniert wird.
Öffnungszeiten der Ausstellung
Das Foyer des Rathauses, Dr.-Conrads-Straße 1, ist zu den folgenden Zeiten zugängig:
- Montag: 08:30 - 17:30 Uhr
- Dienstag bis Donnerstag: 08:30 - 16:00 Uhr
- Freitag: 08:30 - 12:00 Uhr
Die Ausstellung ersetzt den traditionellen Gedenkspaziergang am 9. November entlang der Stolpersteine, der dafür in diesem Jahr pausiert. Eine zusätzliche Veranstaltung gibt es zudem in Kooperation mit der evangelischen Kirchengemeinde. Am Samstag, 8. November, findet um 17 Uhr ein Gitarrenkonzert zum Novembergedenken in der Erlöserkirche, Hennewiger Weg 8, statt.“
Pressetext und -foto: Stadt Haltern am See (Pressestelle)
Ein Land voller Massengräber und kaum jemand, der noch einen Kaddisch sagen kann: Auf den Spuren der Shoah in Lettland
Im September 2024 unternahmen Mitarbeitende der Gedenkstätten sowie Mitglieder des Gedenkstättenvereins und MultiplikatorInnen aus dem Osnabrücker Raum und Berlin vom 26. August bis 1. September 2024 eine Reise nach Litauen und Lettland zu Orten der Shoah im Baltikum. Die Reise erfolgte im Rahmen der Ausstellung "Der Tod ist ständig unter uns. Die Deportationen nach Riga und der Holocaust im deutsch besetzten Lettland", die vom 7. April bis 1. September 2024 in der Gedenkstätte Augustaschacht zu sehen war. Die Autorin war eingeladen worden, an dieser Reise teilzunehmen. Sie stellt uns ihren Bericht für diese Veröffentlichung kostenfrei zur Verfügung.
Am 13. Dezember 1941 wurden 35 Osnabrückerinnen und Osnabrücker gezwungen, in einen Zug zu steigen, der sie in mehrtägiger Fahrt nach Riga in Lettland brachte. Sie selber kannten das Ziel nicht. Ihren Besitz mussten sie zurücklassen. Fünfzig Kilo an Gepäck waren alles, was sie mitnehmen durften, und auch wurde ihnen bei der Ankunft weggenommen, als sie mit Eisenstangen aus dem Zug in die eisige Kälte von minus 30 bis 40 Grad geprügelt wurden. Kleine Kinder und alle, die den weiten Weg in das Ghetto nicht schafften, wurden gleich ermordet. „Keiner von uns hat geglaubt, dass so viel Sadismus möglich war“ – dieser Satz stammt von Ewald Aul, einem der fünf Osnabrücker Überlebenden dieser Deportation, später langjähriger Vorsitzender der Jüdischen Nachkriegsgemeinde in Osnabrück.
Diese Reise war nicht leicht, manche Eindrücke nur schwer zu verkraften Es war eine Reise auf den Spuren von Massenmorden, die auch emotional belastete, und dennoch eine Reise mit vielen wertvollen Begegnungen mit Menschen, die sich dafür engagieren, die Menschen, die diesen Morden zum Opfer fielen, der Vergessenheit zu entreißen, wo das noch möglich ist, und ihnen dadurch ihre Würde zurückzugeben. Unter diesen Ermordeten, für die niemand das Kaddisch, das jüdische Totengebet, sprach, sind 30 Osnabrückerinnen und Osnabrücker. Drei davon, die Geschwister Edith, Carl und Ruth-Hanna Stern, waren noch kleine Kinder.
Am 31. Juli 1941 wurde der Leiter des Reichssicherheitshauptamts, Reinhard Heydrich, von Reichswirtschaftsminister Hermann Göring mit der Vorbereitung der Endlösung der Judenfrage beauftragt, der systematischen Ermordung aller europäischen Juden. Im Oktober 1941 ordnete Hitler die Deportation der jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus dem Reichsgebiet an. Sie wurden in Transporten von je 1.000 Personen in die Ghettos Lodz in Polen, und Minsk in Belarus, Kaunas und Vilnius in Litauen und das lettische Riga gebracht.
In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wurde der Holocaust über Jahrzehnte verdrängt und tabuisiert. Neue Verbrechen durch das stalinistische Regime überlagerten die Erinnerung an die deutsche Besatzung und die Verfolgung von jüdischen Menschen und anderen Bevölkerungsgruppen. Für die Sowjetunion gab es keine jüdischen Opfer und damit auch keinen Holocaust. Die Ermordeten waren alle Sowjetbürgerinnen und -bürger. Es ging um Heldengedenken, alle Toten galten gleichermaßen als „Opfer des Faschismus“. Die Erinnerung an die massive Beteiligung der einheimischen Bevölkerung an den Morden wird den Litauern und Letten auch heute kaum zugemutet.