Meldung
Meldung
Von Oktober 2025 bis Januar 2026 war im Stadtarchiv Bielefeld die Wanderausstellung „Riga. Deportationen – Tatorte – Erinnerungskultur“ zu sehen. (© Lena Wiele)
„Riga. Deportationen – Tatorte – Erinnerungskultur“
Wanderausstellung im Stadtarchiv Bielefeld
Bielefeld. Von Oktober 2025 bis in den Januar 2026 war im Stadtarchiv Bielefeld die Wanderausstellung „Riga. Deportationen – Tatorte – Erinnerungskultur“ zu sehen. Während des Ausstellungszeitraumes bot das Stadtarchiv in Kooperation mit verschiedenen Partnern ein vielfältiges Begleitprogramm. Für Schulklassen bot die Bildungsreferentin des Volksbundes Lena Wiele kostenfreie Workshops an.
Die Ausstellung: Erinnern an Deportationen und Orte des Verbrechens
Die Ausstellung beleuchtet das Schicksal von über 25.000 jüdischen Menschen, die ab Ende 1941 aus mehr als 40 deutschen Städten in das von der Wehrmacht besetzte Riga deportiert wurden. Sie zeigt ausführlich Stationen der Verfolgung, darunter das Ghetto von Riga, die Lager Jungfernhof und Salaspils sowie die Massenmorde in den Wäldern von Rumbula und Bikernieki. Dabei werden nicht nur Tatorte, sondern auch die Täter und die unterschiedlichen Formen der Erinnerungskultur bis in die Gegenwart thematisiert.
Auch die Stadt Bielefeld wird in der Ausstellung erwähnt. Am 13. Dezember 1941 wurden aus dem damaligen Gestapobezirk Bielefeld rund 420 Jüdinnen und Juden nach Riga deportiert. Nur etwa 50 von Ihnen überlebten. Es handelte sich um die erste von insgesamt acht Deportationen aus Bielefeld mit unterschiedlichen Zielen.
Begleitprogramm im Stadtarchiv
Die Ausstellung wurde von einem vielfältigen Rahmenprogramm begleitet, das historische Aspekte vertiefte und zur Auseinandersetzung mit der Geschichte einlud. In mehreren Vorträgen wurden sowohl lokale als auch überregionale Perspektiven auf den Holocaust thematisiert. So stand unter anderem die systematische Enteignung der deportierten Jüdinnen und Juden aus Bielefeld im Fokus, deren Vermögen nach 1941 vom NS-Staat erfasst, verwertet oder öffentlich versteigert wurde. Ein weiterer Vortrag nahm die fotografische Dokumentation der Deportation aus Bielefeld am 13. Dezember 1941 in den Blick und ordnete diese Bilder in den Kontext weiterer bekannter Deportationsfotografien aus dem Reichsgebiet ein.
Darüber hinaus wurde Riga als heutiger Erinnerungsort thematisiert: In einem persönlichen Vortrag wurde der Bogen von der lebendigen Gegenwart der lettischen Hauptstadt zu den historischen Tatorten der deutschen Besatzung geschlagen und gefragt, wie Erinnerung im heutigen Stadtbild sichtbar bleibt – oder auch verschwindet.
Ergänzt wurde das Programm durch die Vorführung des Dokumentarfilms „Wir haben es doch erlebt. Das Ghetto von Riga“, der anhand eindrucksvoller Zeitzeugenberichte das Leben, Leiden und Überleben der deportierten Menschen im Ghetto von Riga nachzeichnete.
Workshops für Schulklassen
Ein besonderer Schwerpunkt des Volksbundes war das pädagogische Begleitangebot: Insgesamt fünf Schulen nahmen an dem Workshop teil, den die Bildungsreferentin Lena Wiele an verschiedenen Tagen im Stadtarchiv anbot.
Die Schülerinnen und Schüler setzten sich mithilfe von lokalen Biografien und der Ausstellung mit verschiedenen Erinnerungsorten in Riga auseinander und erarbeiteten die Verbindung dieser Orte zur Geschichte ihrer eigenen Stadt. Dadurch wurde ein persönlicher Bezug zwischen der historischen Vergangenheit und der eigenen Lebenswelt hergestellt.
Für interessierte Jugendliche ab 17 Jahren bietet der Volksbund im Sommer eine internationale Jugendbegegnung in Riga an. Alle Infos zum Programm und Teilnahmebedingungen unter Internationale Jugendbegegnungen & Workcamps.
Das Riga-Komitee: Städtebündnis für Erinnerung und Gedenken
Das Deutsche Riga-Komitee ist ein europaweit einzigartiger erinnerungskultureller Städtebund, der am 23. Mai 2000 gegründet wurde.
Heute gehören dem Komitee über 80 Städte an, die sich gemeinsam der Erinnerung an die Deportation von mehr als 25.000 deportierten jüdischen Bürgerinnen und Bürgern widmen. Die Stadt Bielefeld ist eine von 13 Gründungsstädten des noch immer wachsenden Bündnisses.
Zu den zentralen Aktivitäten des Komitees zählen u. a. die Pflege der Gräber- und Gedenkstätte in Bikernieki, die Herausgabe des Buchs der Erinnerung, Ausstellungen, Symposien und Gedenk- und Erinnerungsreisen.
Text: Lena Wiele
Ein Land voller Massengräber und kaum jemand, der noch einen Kaddisch sagen kann: Auf den Spuren der Shoah in Lettland
Im September 2024 unternahmen Mitarbeitende der Gedenkstätten sowie Mitglieder des Gedenkstättenvereins und MultiplikatorInnen aus dem Osnabrücker Raum und Berlin vom 26. August bis 1. September 2024 eine Reise nach Litauen und Lettland zu Orten der Shoah im Baltikum. Die Reise erfolgte im Rahmen der Ausstellung "Der Tod ist ständig unter uns. Die Deportationen nach Riga und der Holocaust im deutsch besetzten Lettland", die vom 7. April bis 1. September 2024 in der Gedenkstätte Augustaschacht zu sehen war. Die Autorin war eingeladen worden, an dieser Reise teilzunehmen. Sie stellt uns ihren Bericht für diese Veröffentlichung kostenfrei zur Verfügung.
Am 13. Dezember 1941 wurden 35 Osnabrückerinnen und Osnabrücker gezwungen, in einen Zug zu steigen, der sie in mehrtägiger Fahrt nach Riga in Lettland brachte. Sie selber kannten das Ziel nicht. Ihren Besitz mussten sie zurücklassen. Fünfzig Kilo an Gepäck waren alles, was sie mitnehmen durften, und auch wurde ihnen bei der Ankunft weggenommen, als sie mit Eisenstangen aus dem Zug in die eisige Kälte von minus 30 bis 40 Grad geprügelt wurden. Kleine Kinder und alle, die den weiten Weg in das Ghetto nicht schafften, wurden gleich ermordet. „Keiner von uns hat geglaubt, dass so viel Sadismus möglich war“ – dieser Satz stammt von Ewald Aul, einem der fünf Osnabrücker Überlebenden dieser Deportation, später langjähriger Vorsitzender der Jüdischen Nachkriegsgemeinde in Osnabrück.
Diese Reise war nicht leicht, manche Eindrücke nur schwer zu verkraften Es war eine Reise auf den Spuren von Massenmorden, die auch emotional belastete, und dennoch eine Reise mit vielen wertvollen Begegnungen mit Menschen, die sich dafür engagieren, die Menschen, die diesen Morden zum Opfer fielen, der Vergessenheit zu entreißen, wo das noch möglich ist, und ihnen dadurch ihre Würde zurückzugeben. Unter diesen Ermordeten, für die niemand das Kaddisch, das jüdische Totengebet, sprach, sind 30 Osnabrückerinnen und Osnabrücker. Drei davon, die Geschwister Edith, Carl und Ruth-Hanna Stern, waren noch kleine Kinder.
Am 31. Juli 1941 wurde der Leiter des Reichssicherheitshauptamts, Reinhard Heydrich, von Reichswirtschaftsminister Hermann Göring mit der Vorbereitung der Endlösung der Judenfrage beauftragt, der systematischen Ermordung aller europäischen Juden. Im Oktober 1941 ordnete Hitler die Deportation der jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus dem Reichsgebiet an. Sie wurden in Transporten von je 1.000 Personen in die Ghettos Lodz in Polen, und Minsk in Belarus, Kaunas und Vilnius in Litauen und das lettische Riga gebracht.
In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wurde der Holocaust über Jahrzehnte verdrängt und tabuisiert. Neue Verbrechen durch das stalinistische Regime überlagerten die Erinnerung an die deutsche Besatzung und die Verfolgung von jüdischen Menschen und anderen Bevölkerungsgruppen. Für die Sowjetunion gab es keine jüdischen Opfer und damit auch keinen Holocaust. Die Ermordeten waren alle Sowjetbürgerinnen und -bürger. Es ging um Heldengedenken, alle Toten galten gleichermaßen als „Opfer des Faschismus“. Die Erinnerung an die massive Beteiligung der einheimischen Bevölkerung an den Morden wird den Litauern und Letten auch heute kaum zugemutet.