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Riga wird zu einem Ort der Mindener Erinnerungskultur

Regierungspräsidentin Anna Katharina Bölling und Mindens Bürgermeister Peter Kock unterzeichnen Beitritts-Urkunde zum Riga-Komitee

Minden. Steine mit den Namen vieler deutscher Städte finden sich im Wald von Bikernieki – Berlin, München, Frankfurt am Main, Nürnberg, Stuttgart und Bielefeld. Bald wird hier auch Granit-Stein mit der Aufschrift „Minden“ liegen. Dieser wird künftig daran erinnern, dass auch Mindener Juden dort im Wald erschossen wurden oder im Ghetto starben - nahe der 1941 von der deutschen Wehrmacht besetzten Stadt Riga in Lettland. Zu denen, die dieses Martyrium nicht überlebt haben, gehörte auch die Familie Arnoldstein, an die in der Mindener Königsstraße verlegte „Stolpersteine“ erinnern.

Dass die 35.000 Toten nicht vergessen sind, ist dem Riga-Komitee, dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und ihren Unterstützern in Lettland zu verdanken. Minden ist nach einem Ratsbeschluss am 8. Mai 2025 Mai dem Riga-Komitee als 84. Stadt beigetreten. Das Komitee, ein einzigartiger Zusammenschluss innerhalb der internationalen Erinnerungslandschaft, wurde im Jahr 2000 gegründet. Seit 2001 gibt es die Gedenkstätte im Wald von Bikernieki. Im Jahr 2016 besuchte eine Mindener Delegation die Gedenkstätte. 

Die Präsidentin des Regierungsbezirkes Detmold, Anna Katharina Bölling, und Bürgermeister Peter Kock unterzeichneten am 3. März im Mindener Museum vor rund 50 Gästen die Beitrittsurkunde für das Riga-Komitee. Zugleich wurde die Sonderausstellung des Volksbunds zur Verfolgung und Deportation von Jüdinnen und Juden aus Deutschland in das Ghetto Riga sowie in die Wälder der Massenermordungen rund um Riga eröffnet. Den kleinen Festakt gestalteten auch Schüler*innen der Arbeitsgemeinschaft „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ des Herdergymnasiums und die Musikerin Susanne Burgschweiger (Querflöte) mit. 

„Unsere Stadtgeschichte zeugt von dem Beitrag von Jüdinnen und Juden zu unserer Stadtgeschichte ebenso wie von der Geschichte ihrer Ausgrenzung“, so Bürgermeister Kock in seinem Grußwort. Ein sichtbares Zeugnis dieser Geschichte sei der zerbrochene jüdische Grabstein aus dem 13. Jahrhundert, der nun ein wichtiges Stück in der Mitte Februar eröffneten neuen Dauerausstellung des Mindener Museums ist. 

„Die Sonderausstellung und der Beitritt zum Riga-Komitee bilden ein wichtiges Zeichen, dass wir an der Erinnerungskultur aktiv mitwirken, uns der historischen Verantwortung stellen und so bewusst Gegenwart und Zukunft unter der zentralen Idee unseres Grundgesetzes in die eigene Hand nehmen – die Würde des Menschen ist unantastbar“, so Kock weiter. Alle Akteure stünden dafür. Es sei ein gemeinsamer Auftrag. Riga werde damit auch zu einem Ort Mindener Erinnerungskultur. 

Der heutige Tag sei „ein klares Bekenntnis in bedrückender Zeit - in einer Zeit politischer und gesellschaftlicher Spaltung und internationaler Bedrohung und Kriegsgefahr“, hob der Bürgermeister hervor. Und weiter: „Der heutige Tag sagt, dass wir, die Mindenerinnen und Mindener, uns diesem Antisemitismus weiter entgegenstellen, seiner Geschichte und seiner Gegenwart für eine gemeinsame, friedvolle Zukunft von Religionen, Kulturen und Lebensweisen unterschiedlicher Identitäten.“

Der mit großer Mehrheit beschlossene Antrag im Rat zum Beitritt in das Städtebündnis kam aus der SPD-Fraktion. Dieser hatte zuvor breite Unterstützung gefunden: vom Mindener Geschichtsverein, vom Kreisverband Minden-Lübbecke im Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, vom Verein – Minden für Demokratie und Vielfalt sowie von der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit und der Jüdischen Kultusgemeinde. Vertreter*innen der Vereine, Gesellschaften und Gemeinden wären Gäste der Feierstunde.

Regierungspräsidentin Anna Katharina Bölling, die auch Vorsitzende des Bezirksverbandes Ostwestfalen-Lippe im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. ist, erinnerte an den am 27. Januar begangenen Holocaust-Gedenktag, der nicht nur an diesem Tag, sondern eigentlich das gesamte Jahr über einen Auftrag an die Gesellschaft darstelle. Der Beitritt der Stadt Minden zum Riga-Komitee sei „ein klares Bekenntnis für die Geschichte und die Erinnerungskultur“, so Bölling.

Sie selbst habe 2024 die Gedenkstätte bei Riga besucht. „Ein stiller Ort im Wald, schwer auszuhalten, dass dort so viele Menschen Opfer „des staatlichen Vernichtungsapparates wurden“, schildert die Regierungspräsidentin ihre Eindrücke. Sie hoffe, dass bald auch ein Stein mit dem Namen „Minden“ im lettischen Wald liege. 540 Menschen aus den damaligen Regierungsbezirken Minden und Lippe seien zwischen 1941 und 1944 nach Riga deportiert worden, so Bölling. Der zentrale Gedenkstein dort trägt die aus dem Lettischen übersetzte Inschrift „Die Erde wird mein Blut nicht verschlingen und meine Schreie nicht verschlucken.“ 

Anna Katharina Bölling hob in ihrem Grußwort auch die wichtige Arbeit des Volkbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge hervor, der seit Jahrzehnten historisch-politische Bildungsarbeit für viele junge Menschen in den Schulen und an den Kriegsgräberstätten leistet. 

Die Schüler*innen des Herdergymnasiums zitierten in der Feierstunde aus in den 1980er Jahren aufgezeichneten Zeitzeugenberichten von drei Überlebenden des Rigaer Ghettos: Alfred Neukamp, Eliyahn Kazir und Edith Brandon geb. Blau. Der Gedenkbeitrag der Schüler*innen stammt aus dem Jahr 2022. Er wurde seinerzeit von einem Leistungskurs des Herders unter der Leitung von Dr. Eva Pietsch erarbeitet. „Einen neuen Beitrag konnten wir in der Kürze der Zeit nicht erarbeiten“, berichtet Lehrerin Stefanie Lehmkuhl. 


Edith Blau erhielt 1941 den Deportationsbescheid. Sie wurde zusammen mit ihrer Mutter und vielen anderen Juden zunächst in eine ehemalige Kyffhäuser-Gaststätte nach Bielefeld gebracht. Dort wurden ihnen die Pässe abgenommen. Sie erhielten eine Nummer und durften nur ganz wenige persönliche Stücke behalten. Im Dezember 1941 wurde Edith dann mit ihrer Mutter in einem Güterwaggon nach Riga gebracht. „Es lag Schnee, alles war gefroren“, erinnert sie sich – zitiert von einer Schülerin. 

Edith Blau wurde nach Auflösung des Ghettos bei Riga 1944 in das KZ Stutthof bei Danzig verschleppt. Im Januar 1945 gelang ihr die Flucht nach Bornholm, später nach Großbritannien. In London lernte sie ihren späteren Mann kennen. Die Diamantene Hochzeit feierte das Paar in Minden. Nur ein Schicksal von ganz vielen, welches in diesem Fall ein glückliches Ende fand. An die, die das Ghetto nicht überlebten, erinnert die am 3. März eröffnete Sonderausstellung im Natorp-Saal des Mindener Museums. Sie ist noch bis zum 19. April 2026 zu sehen.

Die Ausstellung beleuchtet das Schicksal von vielen Tausend jüdischen Menschen, die ab Ende 1941 aus mehr als 40 deutschen Städten in das von der Wehrmacht besetzte Riga deportiert wurden. Sie zeigt ausführlich Stationen der Verfolgung, darunter das Ghetto von Riga, die Lager Jungfernhof und Salaspils sowie die Massenmorde in den Wäldern von Rumbula und Bikernieki. Dabei werden nicht nur Tatorte, sondern auch die Täter und die unterschiedlichen Formen der Erinnerungskultur bis in die Gegenwart thematisiert.

 Text: Stadt Minden – Pressestelle

Ein Land voller Massengräber und kaum jemand, der noch einen Kaddisch sagen kann: Auf den Spuren der Shoah in Lettland

Im September 2024 unternahmen Mitarbeitende der Gedenkstätten sowie Mitglieder des Gedenkstättenvereins und MultiplikatorInnen aus dem Osnabrücker Raum und Berlin vom 26. August bis 1. September 2024 eine Reise nach Litauen und Lettland zu Orten der Shoah im Baltikum. Die Reise erfolgte im Rahmen der Ausstellung "Der Tod ist ständig unter uns. Die Deportationen nach Riga und der Holocaust im deutsch besetzten Lettland", die vom 7. April bis 1. September 2024 in der Gedenkstätte Augustaschacht zu sehen war. Die Autorin war eingeladen worden, an dieser Reise teilzunehmen. Sie stellt uns ihren Bericht für diese Veröffentlichung kostenfrei zur Verfügung.

Am 13. Dezember 1941 wurden 35 Osnabrückerinnen und Osnabrücker gezwungen, in einen Zug zu steigen, der sie in mehrtägiger Fahrt nach Riga in Lettland brachte. Sie selber kannten das Ziel nicht. Ihren Besitz mussten sie zurücklassen. Fünfzig Kilo an Gepäck waren alles, was sie mitnehmen durften, und auch wurde ihnen bei der Ankunft weggenommen, als sie mit Eisenstangen aus dem Zug in die eisige Kälte von minus 30 bis 40 Grad geprügelt wurden. Kleine Kinder und alle, die den weiten Weg in das Ghetto nicht schafften, wurden gleich ermordet. „Keiner von uns hat geglaubt, dass so viel Sadismus möglich war“ – dieser Satz stammt von Ewald Aul, einem der fünf Osnabrücker Überlebenden dieser Deportation, später langjähriger Vorsitzender der Jüdischen Nachkriegsgemeinde in Osnabrück.

Diese Reise war nicht leicht, manche Eindrücke nur schwer zu verkraften Es war eine Reise auf den Spuren von Massenmorden, die auch emotional belastete, und dennoch eine Reise mit vielen wertvollen Begegnungen mit Menschen, die sich dafür engagieren, die Menschen, die diesen Morden zum Opfer fielen, der Vergessenheit zu entreißen, wo das noch möglich ist, und ihnen dadurch ihre Würde zurückzugeben. Unter diesen Ermordeten, für die niemand das Kaddisch, das jüdische Totengebet, sprach, sind 30 Osnabrückerinnen und Osnabrücker. Drei davon, die Geschwister Edith, Carl und Ruth-Hanna Stern, waren noch kleine Kinder.

Am 31. Juli 1941 wurde der Leiter des Reichssicherheitshauptamts, Reinhard Heydrich, von Reichswirtschaftsminister Hermann Göring mit der Vorbereitung der Endlösung der Judenfrage beauftragt, der systematischen Ermordung aller europäischen Juden. Im Oktober 1941 ordnete Hitler die Deportation der jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus dem Reichsgebiet an. Sie wurden in Transporten von je 1.000 Personen in die Ghettos Lodz in Polen, und Minsk in Belarus, Kaunas und Vilnius in Litauen und das lettische Riga gebracht.

In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wurde der Holocaust über Jahrzehnte verdrängt und tabuisiert. Neue Verbrechen durch das stalinistische Regime überlagerten die Erinnerung an die deutsche Besatzung und die Verfolgung von jüdischen Menschen und anderen Bevölkerungsgruppen. Für die Sowjetunion gab es keine jüdischen Opfer und damit auch keinen Holocaust. Die Ermordeten waren alle Sowjetbürgerinnen und -bürger. Es ging um Heldengedenken, alle Toten galten gleichermaßen als „Opfer des Faschismus“. Die Erinnerung an die massive Beteiligung der einheimischen Bevölkerung an den Morden wird den Litauern und Letten auch heute kaum zugemutet.