Volksbund Logo Desktop Volksbund Logo Mobil

Walter Serner

Walter Serner

Walter Serner wird am 15.1.1889 - als Walter Seligmann und zweites Kind von Berthold und Emilie Seligmann im Haus Nr. 623 (Edelweiß, damals Bahnhofstraße 12) in Karlsbad/Böhmen (heute Karlovy Vary/Tschechien) geboren. Die Promenaden des weltberühmten Kurorts und seine Grandhotels prägen die Anschauung des aufgeweckten Jungen mit schriftstellerischen Ambitionen. Sein Vater gibt mit seinem Bruder Julius Seligmann die in der Familiendruckerei hergestellte Karlsbader Zeitung heraus, in der 1909 Walter Serners erster Text erscheint. 

Anlässlich seines Übertritts zum Christentum wird die Änderung des Familiennamens in „Serner“ 3. Juni 1909 Karlsbad amtlich bewilligt.

Im November 1927 skizzierte er in der Zeitschrift „Fertige Bücher“ seinen Lebenslauf.  

Wer ist Walter Serner ???

„Ich wurde am 15. März 1889 in Karlsbad geboren. In dieser Stadt besuchte ich das Gymnasium, wo ich in dem römischen Schriftsteller P. Ovidius Naso die erste Bekanntschaft mit einem subtilen Geist machte und in Gestalt des Lehrkörpers mit der menschlichen Niedertracht. Ich galt als subversives Element, obwohl ich mich damals nur für Stubenmädchen interessierte und auch sonst bemühte, dem genannten Schriftsteller Ehre zu machen. Das Jus-Studium, dass ich mit achtzehn Jahren begann, kam nicht zur Ausführung, sondern Wien, dass zu jener Zeit eine sehr beherzigenswerte Stadt war. Mir ist es noch heute rätselhaft, wie es möglich war, dass ich die rechtshistorische Staatsprüfung bestand. Kurz darauf brachte ich einen Spielgewinn an der Hand eines Münchner Faschings durch und fuhr mit dem letzten Goldstück nach Berlin, wo ich mich 14 Tage hindurch langweilte, weil ich nachts schlief. Als ich anfing, es umgekehrt zu halten, amüsierte ich mich drei Jahre dermaßen, dass meine Liebe für diese Stadt ebenso unausrottbar bleibt wie die für ihren Argot. Da eine hinter meinem Rücken für mich ordnende Hand mich in Wien weiter inskribiert hatte, konnte ich der Lockung, meine Schulden bezahlt zu sehen, insofern nicht widerstehen, als ich beabsichtigte, vier Monate in Greifswald zu schlafen. Das Resultat war trotzdem positiv, wofür ich mich bei Ovid zu bedanken habe. Ich brachte nämlich das Gespräch auf ihn, und da meine Examinatoren Menschenkenner waren und echte Humanisten, wurde ich doctor utriusque juris. Es hat mir lange Zeit hindurch sehr genützt. Denn ich entschloss mich bald darauf, keine vorgeschriebene Laufbahn zu ergreifen (gibt es eine schönere Phrase?), sondern in Europa spazieren zu fahren. Der Familienvater, der merkt, dass einer keinen bürgerlichen Lebenswandel führt, ist im allgemeinen sofort davon überzeugt, dass ein ungesetzlicher geführt wird. Das weite Feld der Möglichkeiten, dass zwischen diesen beiden Polen liegt, vermöchte ich ihm nur eine hemmungslose Phantasie zu zeigen. Der Doktortitel nun verzögert jene Überzeugung, indem er die Phantasie zivil anregt. Als der Weltkrieg ausbrach, war ich aber immerhin schon so übel beleumundet, dass mein vierjähriger Zwangsaufenthalt in der Schweiz mir mancherlei Distraktion verschaffte und im übrigen die Musse zur Niederschrift des ersten Teils eines für jedermann lehrreichen Handbreviers, „Letzte Lockerung" betitelt, das letzthin Entschlossenheit als wertvoller erklärt als Erfahrung. In den Alpen, für die ich nicht das Geringste übrig habe, schrieb ich auch die 33 Geschichten „Zum blauen Affen", die zwar einige Kenner sehr priesen, aber meinen schlechten Ruf endgültig befestigten. Als der Weltkrieg zu Ende war, stieg ich wieder in die Eisenbahn. Ich muss gestehen, dass es mich schon langweilt. Aber es ist doch von allem Angenehmen, woran der Globus nicht allzu reich ist, dass am wenigsten Ermüdende. Störend empfinde ich nur, dass man mir kontinuierlich die geschmacklosesten Motive unterschiebt. Ich erkläre deshalb feierlich, dass ich weder Bordellbesitzer bin noch die rechte Hand von Boris Sawinkow, den ich leider nicht persönlich gekannt habe; dass ich den Berlin-N-Jungen liebe, den deutschen Double-Mokka aber als scheussliche Tunke bezeichne; dass ich den Umgang mit Menschen für ein Psycho-Dancing halte und Lichtenbergs Aphorismen sowie Flauberts „November“ für eine gute Vorschule; dass ich der österreichischen Memphis-Zigarette nachtrauere, nicht aber den sie einst in Massen konsumierenden Leutnants; dass ich das von mir sehr geliebte Jicky-Parfüm vermittelst eines Vaporisateurs verwende und jene nicht begreife, die mir deshalb jede Intelligenz absprechen; dass mir Politik zum Kotzen ist, der italienische Lazzo aber sympathisch; dass ich zartfühlend bin, faul, neugierig und roh; dass ich viele Französinnen für exquisite Geschöpfe halte, die meisten Russen aber für Hysteriker; dass ich weder für Skoda reise noch für den Kaiser der Sahara, sondern zu meinem Vergnügen; und dass ich ein tschechoslowakischen Pass besitze und glücklicherweise eine harte Haut.

 

 

Walter Serner war Schriftsteller, Dadaist, Lebenskünstler und Großstadtdandy. Nach Berlin, Zürich, Wien, Paris und Barcelona lebte er ab Januar 1939 mit seiner Ehefrau Dorothea Serner (geb. am 18.1.1889 als Dorothea Herz in Berlin) in der V Kolkovně 920/5 in Prag. Beide wurden als Juden von den Nationalsozialisten nach Riga deportiert und dort im Wald von Biķernieki am 23.8.1942 ermordet.

Am Dienstag, 16. Juni 2026, werden an der ehemaligen Adresse in Prag Stolpersteine für seine Frau und ihn verlegt.

Mehr zu ihm und seinem Werk auf www.walter-serner.de