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Lebhafte Diskussionen und der Austausch von Erfahrungen in der regionalen Bildungsarbeit prägten das 3. Symposium des Riga-Komitees (© Foto: Angela von Brill)
Geschichte - Gedächtnis - Bildung
3. Symposium des Riga-Komitees
Vom 21.-22. September 2016 richtete der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zusammen mit der Stadt Osnabrück das 3. Symposium des Deutschen Riga-Komitees aus. Teilnehmer waren 77 Vertreterinnen und Vertreter von 30 deutschen Städten und Gemeinden, aus denen in der NS-Zeit jüdische Bürgerinnen und Bürger nach Riga deportiert worden waren.
Oberbürgermeister Wolfgang Griesert begrüsste die Vertreter des städtischen Netzwerkes im historischen Friedensaal des Rathauses, und er würdigte die Bedeutung des gemeinsamen Erinnerns und der Verständigung für die Entwicklung eines nachhaltigen Friedens in Europa.
Die Teilnehmenden des Symposiums hörten neue Ergebnisse der historischen Forschung zum Massenmord an den europäischen Juden in Riga, diskutierten zeitgemäße Formen des städtischen Erinnerns und tauschten Erfahrungen zur regionalen Bildungsarbeit für Jugendliche und Erwachsene aus. Am Abend des 21. September gedachten die Teilnehmenden der ermordeten Osnabrücker Juden am Mahnmal Alte Synagoge, zusammen mit Schülern einer berufsbildenden Schule (siehe Foto).
Zum Abschluss wurde der Impuls des Volksbundes, in 2017 eine gemeinsame Gedenkreise der städtischen Vertreter zu historischen Orten nach Riga zu unternehmen, von den Anwesenden bestärkt.
Von November 1942 bis Dezember 1943 waren insgesamt etwa 25 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus dem deutschen Reichsgebiet nach Riga deportiert worden, außerdem Juden aus Österreich, Tschechien, dem Baltikum und Ungarn. Die Deportationen nach Riga markieren einen wesentlichen Radikalisierungsschritt in der nationalsozialistischen "Judenpolitik" und den Beginn des Massenmordes. Nur drei bis vier Prozent der Deportierten überlebten.
Derzeit sind 55 Mitgliedsstädte im Deutschen Riga-Komitee vereint. Es wurde am 23. Mai 2000 von Repräsentanten von 13 deutschen Großstädten und dem damaligen Präsidenten des Volksbundes, Karl-Wilhelm Lange, in Berlin ins Leben gerufen. Initiatoren waren Berlin, Bielefeld, Dortmund, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Kassel, Köln, Leipzig, Münster, Nürnberg, Osnabrück und Stuttgart.
Das Städte-Netzwerk wird koordiniert vom Volksbund.
(Information und Kontakt: Thomas Rey, thomas.rey@volksbund.de
Hauptstadtbüro: Tel.: 030/2309 3647)
Programm des 3. Symposiums
Ein Land voller Massengräber und kaum jemand, der noch einen Kaddisch sagen kann: Auf den Spuren der Shoah in Lettland
Im September 2024 unternahmen Mitarbeitende der Gedenkstätten sowie Mitglieder des Gedenkstättenvereins und MultiplikatorInnen aus dem Osnabrücker Raum und Berlin vom 26. August bis 1. September 2024 eine Reise nach Litauen und Lettland zu Orten der Shoah im Baltikum. Die Reise erfolgte im Rahmen der Ausstellung "Der Tod ist ständig unter uns. Die Deportationen nach Riga und der Holocaust im deutsch besetzten Lettland", die vom 7. April bis 1. September 2024 in der Gedenkstätte Augustaschacht zu sehen war. Die Autorin war eingeladen worden, an dieser Reise teilzunehmen. Sie stellt uns ihren Bericht für diese Veröffentlichung kostenfrei zur Verfügung.
Am 13. Dezember 1941 wurden 35 Osnabrückerinnen und Osnabrücker gezwungen, in einen Zug zu steigen, der sie in mehrtägiger Fahrt nach Riga in Lettland brachte. Sie selber kannten das Ziel nicht. Ihren Besitz mussten sie zurücklassen. Fünfzig Kilo an Gepäck waren alles, was sie mitnehmen durften, und auch wurde ihnen bei der Ankunft weggenommen, als sie mit Eisenstangen aus dem Zug in die eisige Kälte von minus 30 bis 40 Grad geprügelt wurden. Kleine Kinder und alle, die den weiten Weg in das Ghetto nicht schafften, wurden gleich ermordet. „Keiner von uns hat geglaubt, dass so viel Sadismus möglich war“ – dieser Satz stammt von Ewald Aul, einem der fünf Osnabrücker Überlebenden dieser Deportation, später langjähriger Vorsitzender der Jüdischen Nachkriegsgemeinde in Osnabrück.
Diese Reise war nicht leicht, manche Eindrücke nur schwer zu verkraften Es war eine Reise auf den Spuren von Massenmorden, die auch emotional belastete, und dennoch eine Reise mit vielen wertvollen Begegnungen mit Menschen, die sich dafür engagieren, die Menschen, die diesen Morden zum Opfer fielen, der Vergessenheit zu entreißen, wo das noch möglich ist, und ihnen dadurch ihre Würde zurückzugeben. Unter diesen Ermordeten, für die niemand das Kaddisch, das jüdische Totengebet, sprach, sind 30 Osnabrückerinnen und Osnabrücker. Drei davon, die Geschwister Edith, Carl und Ruth-Hanna Stern, waren noch kleine Kinder.
Am 31. Juli 1941 wurde der Leiter des Reichssicherheitshauptamts, Reinhard Heydrich, von Reichswirtschaftsminister Hermann Göring mit der Vorbereitung der Endlösung der Judenfrage beauftragt, der systematischen Ermordung aller europäischen Juden. Im Oktober 1941 ordnete Hitler die Deportation der jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus dem Reichsgebiet an. Sie wurden in Transporten von je 1.000 Personen in die Ghettos Lodz in Polen, und Minsk in Belarus, Kaunas und Vilnius in Litauen und das lettische Riga gebracht.
In den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wurde der Holocaust über Jahrzehnte verdrängt und tabuisiert. Neue Verbrechen durch das stalinistische Regime überlagerten die Erinnerung an die deutsche Besatzung und die Verfolgung von jüdischen Menschen und anderen Bevölkerungsgruppen. Für die Sowjetunion gab es keine jüdischen Opfer und damit auch keinen Holocaust. Die Ermordeten waren alle Sowjetbürgerinnen und -bürger. Es ging um Heldengedenken, alle Toten galten gleichermaßen als „Opfer des Faschismus“. Die Erinnerung an die massive Beteiligung der einheimischen Bevölkerung an den Morden wird den Litauern und Letten auch heute kaum zugemutet.