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Ein Bericht von Max Schloss

Max Schloss wurde am 29. Dezember 1889 in Ulrichstein in Hessen geboren. Er war Kriegsfreiwilliger von 1914 bis 1919 wie auch sein Bruder Hugo. Sein Bruder Moritz starb auf dem Felde der Ehre für das „dankbare Deutsche Reich". Max Schloss wohnte an der Markenstrasse 28 in Gelsenkirchen-Horst, dort hatte er auch sein Ladengeschäft.

Am 27. Januar 1942 wurde er zusammen mit anderen Familienangehörigen von Gelsenkirchen nach Riga deportiert. Von Riga kam er in das KZ Stutthof, von dort über das KZ Buchenwald in ein Außenlager des KZ Buchenwald in Bochum. Von dort gelang ihm kurz vor Kriegsende zusammen mit seinem Sohn Lutz die Flucht. Max Schloss emigrierte 1947 in die USA.

Von den in der Lagerhaft erlittenen Qualen hat er sich nie wieder richtig erholt. Max Schloss starb am 2. Januar 1955, ein paar Tage nach seinem 65. Geburtstag in den USA.

„In 1000 Sklaven stecken 999 Sklavenhalter“

Dem Heeres-Kraftwagenpark Nr.641 des deutschen Heeres im Osten, Ortsunterkunft R i g a, war unter den vielen Instandsetzungsbetrieben auch das Kraftwagenwerk 9 unterstellt. Dieses "K-Werk 9" war ein Zweigunternehmen der Autombil-Aktiengesellschaft Haerderich in Duisburg am Rhein und stand im Einsatz für die Wehrmacht.

Direktion und Betriebsleitung das K-Werk 9 lagen in den Händen der Parteigenossen der NSDAP P a u l S p i e k e r und K u r t L ü n e n s c h l o s s. Spieker und Lünenschloss haben sich an den ihnen, zur Zwangsarbeit zugewiesenen Häftlingen des Konzentrationslagers Kaiserwaid in Riga (Lagerkommandant: Sturmbannführer der SS S a u e r, früher im Konzentrationslager Sachsenhausen-Oranienburg und Dachau ) in frevelhaftester Weise vergangen.

Uebler Nazihass gegen die unglücklichen Versklavten führte fast täglich zu schwersten Misshandlungen. Ich selbst war Insasse des Lagers Kaiserwald und allabendlich mit den Kameraden, die im K-Werk 9 arbeiteten, zusammen. So erlebte ich unmittelbar die Not meiner Gefährten, die in ihrem Ausmass mein eigenes Leid gar oft noch übertrafen. Die Quälereien und Demütigungen, denen sie ausgesetzt waren, erschienen ihnen schon so alltäglich, dass nur noch "besondere Fälle" unter einander besprochen wurden, - also Vorgänge, die in Ursache und Wirkung das gewohnte Bild des Geschundenwerdens übertrafen...

Mehr als 40 Männer, die im K-Werk 9 zum Frondienst verdammt waren, sind mit Hilfe der S p i e k er und L ü n e n s c h l o s s grausam in den Tod g e t r i e b e n w o r d e n !

Des elenden Daseins müde, entflohen im Frühjahr 1944 in kurz aufeinander folgenden Tagen einige Häftlinge aus dem K-Werk 9. Für jeden der Geflüchteten führte die SS zwei, drei oder mehr Arbeitskameraden als Geisseln ab... Die Verhafteten wurden zum Hauptlager geschleppt, von wo aus sie noch am gleichen Tage weitertransportiert wurden. Das Ziel der Verschickung hiess " Der Stützpunkt ". - Spieker und Lünenschloss und mit ihnen einige Vorarbeiter, die die Massnahmen der SS bewirkt hatten und der Festnahme der armen Opfer beiwohnten, verschiedentlich a u c h d e r e n A u s w a h l mitbestimmten, standen mit der Führung der SS in bestem Einvernehmen.

Sie benutzten den belanglosesten Vorfall im Alltagsgeschehen zur "Meldung"' an die SS-Leitung, wodurch stets das Erscheinen des von allen gefürchteten SS-Hauptscharführers B l a t t e r s p i e l veranlasst wurde. Dieser personifizierte Schrecken aller liess dann das gesamte Arbeitskommando der Häftlinge die Arbeit unterbrechen und antreten, hielt seine unflätigen Reden, in denen Drohungen mit dem Tode sich immerwährend wiederholten, er diktierte für alle jedesmal härtere Daseinsbedingungen und dann, - dann suchte er sich Geiseln aus, wie sie ihm gerade "gefielen"...

Eines Tages ereigneten sich in einer Werkshalle des K-Werk 9 kleine Explosionen. Ein alter Karbidbehälter aus Blech, wie ihn Schweisser zu benutzen pflegen, ist mehrmals mit lauten Knall geborsten. Es war nicht festzustellen, ob das Gefäss infolge Ueberdruckes oder durch Unachtsamkeit eines Arbeiters zu diesen Detonationen kam, - doch gleichviel, "die Sache musste der SS gemeldet werden..." - Die Explosionen hatten weder Personal- noch Sachschaden bewirkt, ja kaum eine wesentliche Unterbrechung der Arbeit zur Folge. Dennoch und bewusst aber gaben Spieker und Lünenschloss der SS Gelegenheit "zum "Eingreifen". Sie konstruierten einen "Fall" und beschuldigten die Häftlinge der Sabotage vor den Augen der SS.

In Begleitung einer grossen Anzahl SS-Bewachungsposten fand sich wieder einmal Herr B l a t t e r s p i e l ein. Zitternd am ganzen Körper stehen nahezu 250 Arbeitssklaven vor ihm angetreten. Auch Spieker und Lünenschloss sind anwesend...Wen mochte Blatterspiel heute "auswählen"?... Es sind 2 1 M ä n n e r , die unter strenger Bewachung vom Arbeitsplatz Im K-Werk 9 zum Hauptlager abgeführt werden, darunter einige mir liebe, treue Gefährten...

Vom Hauptlager hat man, wie ich bestimmt erfahren konnte meine Kameraden zum Kommando "Der Stützpunkt" weitertransportiert. Von den vielen tausend Insassen des Konzentrationslagers Kaiserwald zu Riga wusste niemand zu sagen, was das Kommando "Der Stützpunkt" bedeutete. Niemand wusste, wo sich dieser "Stützpunkt" befand, aber j e d e r wusste, dass von dort keiner wiederkehrte.

Um Riga aber, nicht weit vom Meere, sieht das Auge riesige, dichte Wälder. In diesen Wäldern liegen verscharrt die Leichen von zehntausenden Juden, die zu Tode gefoltert wurden, - Frauen und Kinder ebenso wie die Männer! Juden aus Lettland und Oesterreich, aus Deutschland und der Tschecho-Slowakei, aus Litauen und Polen, aus den Niederlanden, aus Frankreich, Belgien, Ungarn, - fast aus ganz Europa. ... - Ihre Leichname liegen in Löchern oder in Massengräbern, die der wilde Wald überwuchert, oder unter Sand und Steingeröll...

Hier hat Vandalismus gewütet, hier haben Mörder Orgien gefeiert, hier wohnt das Grauen! ...Und hier, in den Wäldern um Riga, befindet sich auch jener gefürchtete " S t ü t z p u n k t ", dem Spieker und Lünenschloss und Blatterspiel die unglücklichen Opfer zuführten! Es ist der Bickerniker Wald" , - und seine Fluren saugten Ströme von Blut! - - -

Aus Vorsicht vor Entdeckungen für den Fall einer Frontverlagerung nach hinten wurden die Gebeine vieler Tausend Ermordeter aus den Gräbern hervorgesucht, aufgehäuft und verbrannt. Unter den Befehl der SS mussten jüdische Häftlinge die Exhumierungen und Verbrennungen vornehmen. Dieses Häftlings-Arbeitskommando war "Der Stützpunkt" benannt... Nach beendeter Arbeit wurden meine Kameraden erschossen...

So erlebte ich sie !

S o erlebte ich sie in grosser, grosser Anzahl, - diese Spieker, Lünenschlösser und Blatterspiele !

U e b e r a l l sah ich sie ! Im Konzentrationslager Kaiserwald im Konzentrationslager Stutthof und ebenso im Konzentrationslager Buchenwald! In jedem Lagerblock, in jedem Arbeitskosmando, in jeder Arbeitsgruppe von Häftlingen befanden sich ihre Exponenten! Aber ich kannte sie auch in vielen Einheiten der deutschen Wehrmacht, der Marine und der Luftwaffe, - in Fabriken und in Werkstätten, in Lagerhäusern und in Verwaltungsbetrieben, in Depots, in Unterkünften und in Küchen, unter Bediensteten und an Arbeitsplätzen der Bahn und der Post, in Lazaretten und beim Deutschen Roten Kreuz, wie auch unter Vorgesetzten und Mannschaften in den verschiedensten Gliederungen der Organisation Todt ...

U e b e r a l l fanden sich jene Typen, die geeignet waren zum Schinden und Quälen Unglücklicher!

Ja, wann der "Ahnenpass" vieler dieser menschlichen Ungeheuer die Wahrheit widergibt, dann m u s s daraus hervorgehen, dass an Ihrer Wiege der Teufel Pate gestanden hat!

"In 1000 Sklaven stecken 999 Sklavenhalter ! " - Hat der Poet, als er diese Worte prägte, das "Dritte Reich" vorausgesehen ?

Abschrift von dem Bericht des Max Schloss, KZ-Buchenwald-Nummer war 82546, verfasst nach seiner Flucht aus dem Außenlager des KZ Buchenwald beim "Bochumer Verein" in Bochum, Brüllstrasse. Quelle Archiv Gelsenzentrum e.V.

Andreas Jordan, Februar 2011

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